Nachbarschaftstreffen im Arbeitslosenzentrum MG

“Jetzt wohne ich schon so lange hier – und erst jetzt lerne ich euch und eure Arbeit so richtig

kennen”, lachte die ältere Nachbarin. Weil sie eine “Frau der Taten” sei, wurde die

Nachbarin auch gleich Mitglied im Arbeitslosenzentrum (ALZ) an der Lüpertzender Straße.

Das hatte am vergangenen Sonntagnachmittag zur offenen Tür “Willkommen im Quartier

und zu guter Nachbarschaft” eingeladen. Überraschend viele nutzten die Gelegenheit,

sich über die oftmals schwierige Arbeit und vor allem nach der räumlichen Zukunft des ALZ

zu informieren.

Mehrere Regenschauer hielten Veranstalter wie Besucher in Bewegung. Dann mussten

Tische und Bänke vom Vorgarten ins Foyer des ALZ transportiert werden. Schien wieder die

Sonne, ging es spontan nach Draußen. Nicht nur Leiter Karl Sasserath lobte das

“riesige Kuchen-Angebot”. Mal mit, mal ohne Sahne, Mitarbeiter des ALZ und

Mitglieder hatten die süßen Stücke gebacken, dazu gab es Getränke.

Im Gespräch bleiben und zeigen, dass “wir hier an der Lüpertzender Straße nicht

aufgeben wollen” war das Motto der gut zweistündigen Veranstaltung.

Die meisten der Besucher – darunter auch junge Familien – äußerten ihr

Unverständnis darüber, dass CDU und SPD den ALZ-Standort aufgeben

wollen. Und damit offenbar Platz schaffen für attraktive neue Stadthäuser.

Als skandalös wertete das eine Sozialarbeiterin, die bei einem

freien Träger in der ambulanten Familienhilfe arbeitet. Das städtische

Gebäude, in dem das Stadtmitte-Zentrum untergebracht ist, ist zwar nicht

neu, aber die zentrale Lage und die gute Arbeit, die hier geleistet werde,

seien doch Grund genug, die bekannte Einrichtung da zu lassen, wo sie

ist. Mitglieder des ALZ-Vorstandes berichteten, dass im Haus regelmäßig

saniert werde, dazu gibt es eine Aus- und Umbau-Planung u.a. für mehr

Barrierefreiheit. Über diese Planungen seien sowohl die Politik als

auch die Stadtspitze bestens informiert. “Man muss auf die Straße gehen, wenn Benachteiligte noch mehr

benachteiligt werden”, sagte ein energischer Gesamtschullehrer. Bei so viel

sozialer Kälte dürfe man sich nicht wundern, dass sich die Leute von den

vermeintlichen Volksparteien abwenden.

Vielleicht hätte Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners (CDU) die ein

oder andere Frage der neugierigen Gäste beantworten können. Der spazierte

mit seiner Frau aber an der offenen Tür des Beratungszentrums vorbei, grüßte

kurz und ging nach nebenan zum “Berggarten-Fest” von Musik- und

Volkshochschule.

Das Stadtmitte-Zentrum wird seine Reihe “Willkommen im Quartier und

zu guter Nachbarschaft” fortsetzen. Karl Sasserath: “Die erste

Veranstaltung hat mich positiv gestimmt; ich danke vor allem dem

ALZ-Team.” Das habe die “gute Veranstaltung” erst möglich gemacht.

Text: Herbert Baumann

Mitgliederversammlung des Trägervereins des ALZ MG

Von Resignation keine Spur. Ungeachtet der ungewissen Zukunft des Arbeitslosenzentrums (ALZ)
wollen Mitglieder wie Verantwortliche der Stadtmitte-Einrichtung ihre Arbeit “Intensiv wie
engagiert” fortsetzen. Das wurde in der jüngsten Mitgliederversammlung des Trägervereins allzu
deutlich. Vereinssprecher Karl Boland sagte, die andauernde Hängepartie um die Raumfrage sei unverantwortlich
und zynisch gegenüber den vielen Menschen, “denen wir Hilfen und Tipps für ein besseres
Leben” geben. Die Besucherzahlen 2015 sind weiter gestiegen bzw. konstant geblieben,
die Finanzlage des Stadtmitte-Zentrums bleibt “angespannt”, und künftig sollen
den Besuchern fair gehandelter Kaffee, Zucker, Milch und – für den werktäglichen
Mittagstisch – Gewürze angeboten werden. Zudem wird die Reihe “Willkommen im
Quartier” mit Vorträgen, Gesprächsrunden usw. intensiviert.
Die rund 20 Mitglieder gedachten des verstorbenen “Eddi” Erlemann. Er war
im November gestorben; “Eddi” war Jahrzehnte ALZ-Mitglied; berühmt wurden
seine Menschen-Geschichten, die er in der Weihnachtsfeier des ALZ vortrug. “Eddi
war das soziale Gewissen der Stadt, er fehlt uns sehr”, sagte Boland.
Zu den Regularien: Der nach eingehender Kassenprüfung von den Anwesenden
gebilligte Kassen- und Ergebnisbericht für 2015 schließt mit einem überschaubaren Minus ab, bei einem Gesamtbudget von rund 270 000 Euro.
Auch für 2016 muss mit einem ähnlichen Defizit gerechnet werden. Boland
betonte, dass der Verein “sehr sparsam wirtschaftet”; das führe allerdings
nicht zu Einschränkungen bei den Beratungen oder beim preiswerten Mittagstisch.
Ob persönlich nach Terminabsprache, telefonisch oder per Mail – 3146 Frauen und
Männer ließen sich beraten. Ob Fragen zum Unterhalt, zu Hartz IV, Familienrecht, zu Job-Angeboten,
Bewerbungshilfen oder Alltagsproblemen: 2040 Personen kamen zur Sozialberatung.
Sie wird von der Stadt finanziert. 1106 Menschen nutzten die versierte Erwerbslosenberatung.
Unverzichtbar geworden nicht nur für ältere Menschen, sondern auch für Alleinerziehende
mit ihren Kindern ist der Mittagstisch. Täglich werden 51 in der Einrichtung zubereitete Essen (von Suppe bis Nachtisch) serviert – Tendenz steigend.
Knapp 11 000 waren es 2015 insgesamt.
Der Mittagstisch – und das mag ironisch klingen – entwickelte sich zur “Erfolgsgeschichte”, weil ärmere Menschen
nicht nur satt werden, sondern auch die Möglichkeit der Begegnung und des Austauschs haben.
Boland betonte daher, dass der Verein an dem seit Jahrzehnten bewährten Konzept aus
Beratung, Mittagstisch und Begegnung festhalte werde. Bewährt auch deshalb, weil es
von immer mehr Betroffenen genutzt werde.
Die Zahl der Menschen, die von Hartz IV leben müssen, ist in Gladbach weiter gestiegen:
2015 waren es nach Angaben des Gladbacher Jobcenters 38 119 – 575 mehr als 2014. 11 100 Kinder
(unter 15 Jahren) in Gladbach leben in relativer Armut. Immer schwieriger werde die
Situation für Langzeitarbeitslose – in unserer Stadt mehr als 18 000 Männer und Frauen.
Sasserath berichtete von Fällen, in denen SGB-II-Bezieher mit 45 Jahren keine Stelle
mehr bekämen. Und das seien nicht nur Personen mit geringer beruflicher Qualifizierung.
Erfreulich ist seiner Ansicht nach die Ansiedlung von Zalando im Regiopark. Dort fanden
mehr als 900 Erwerbslose – die meisten ohne Berufsausbildung – einen Job.
Mit rund 10,50 Euro/Stunde wird dort mehr als der Mindestlohn gezahlt.
Die fairen Produkte wie Kaffee von Erzeugern, die von den verkauften Rohbohnen auch einigermaßen
leben können, wird man im Eine-Welt-Laden am Abteiberg 2 kaufen. Die obligate Weihnachtsfeier
findet im Dezember zum letzten Mal im Forum des Maria Hilf an der Sandradstraße statt.
Bekanntlich gibt der Krankenhaus-Betreiber den dortigen Klinik-Standort auf. Für
die Feier 2017 sucht das ALZ neue Räume.
Mit der Neubelebung des Fördervereins soll die instabile Finanzlage auf stabile Füße gestellt
werden. Hierzu werden mitmachende Aktive gesucht. Mitglied muss man dafür nicht
werden. Schön wäre es aber schon, denn das ALZ ist so stark wie seine Mitglieder(-Zahl).
Mehr Infos, auch zum Förderverein: Telefon MG 20195.
Herbert Baumann

Politiker im ALZ Mönchengladbach zu Gast

Die Politik hat die “Gerechtigkeit” entdeckt. So will die SPD im bevorstehenden
Bundestagswahlkampf 2017 das vielstrapazierte Thema “ganz nach oben stellen”.
Doch was ist Gerechtigkeit? Wie kann man sie erreichen? Welche Schritte
sind nötig, damit “Gerechtigkeit” für alle mehr als nur eine Floskel bleibt oder in
Ansätzen verkümmert? Das Arbeitslosenzentrum (ALZ) in Stadtmitte will
darauf eine Antwort geben, Ansätze und Positionen sowie Forderungen vorstellen, die
mehr Gerechtigkeit möglich machen.
Zu der öffentlichen, kostenfreienVeranstaltung am 5. Juli, 20 Uhr, im ALZ-Haus an der Lüpertzender
Straße 69 hat ALZ-Leiter Karl Sasserath Professor Dr. Gerhard Bäcker ebenso eingeladen
wie Mehrdad Mostofizadeh. Bäcker arbeitet am Institut für Arbeit und Qualifikation
(IAQ) der Uni Duisburg Essen; Mostofizadeh ist bündnis-grüner Landespolitiker
und deren sozialpolitischer Experte. In der Veranstaltung, zu der Sie/Du eingeladen
bist, soll auch die sozialpolitische Situation in Mönchengladbach dargestellt werden.
Eine – sicherlich lebhafte – Diskussion ist nach den jeweiligen, nicht allzu langen
Vorträgen selbstverständlich vorgesehen.
Mit Veranstaltungen wie dieser will das Stadtmitte-Zentrum ihre “Angebote im Quartier”
erweitern. Am 26. Juni, 14 bis 16 Uhr, Lüpertzender Straße 69, ist eine “offene Tür”,
bei der nicht nur die Nachbarn willkommen sind. Bei Getränken und Kuchen stehen
Gespräche und Infos im Vordergrund.
Herbert Baumann

Platz in Mönchengladbach wird nach Eddi Erlemann benannt

Der Platz vor der Citykirche neben dem St. Vith ist nach dem am 4. November vergangenen Jahres im Alter von 80 Jahren gestorbenen früheren Propst Edmund Erlemann (Foto) benannt worden. Zahlreiche Gladbacher hatten dies
angeregt – die Politik im Stadtrat stimmte dem mehrheitlich zu. Der katholische Priester war das soziale
Gewissen der Stadt. Er war von 1973 bis 1988 Regionaldekan und Mitverantwortlicher des Katholikentages 1974 in der Vitusstadt. Er war Gründer und Gesellschafter der Stiftung Volksverein und Vorsitzender des Vereins Wohlfahrt, der sich unter anderem sozial engagiert. 1985 erhielt Erlemann, in Krefeld geboren, das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Engagement zu Gunsten arbeitsloser Menschen. 1997 wurde er nach einem einstimmigen Beschluss des städtischen Hauptausschusses mit der Stadtplakette für seine Verdienste “um die Tradition der Stadt des sozialen Katholizismus” ausgezeichnet.
“Eddi”, wie ihn viele nannten, war für die “kleinen Leute” da. Nicht selten eckte er kirchenintern, aber auch
in den so genannten etablierten Kreisen wegen seiner tatkräftigen Fürsprache und seines Handelns für die “Ausgegrenzten” an. Unvergessen ist seine kompromisslose Fürsprache für das bedrohte Arbeitslosenzentrum an der Lüpertzender Straße. Ihn schmerzte die “kalte Politik gegenüber Menschen, denen wir helfen müssen”. Das sagte er noch kurz vor seinem Tod.
Eddis Vermächtnis, seine Visionen und Ideen sollen dokumentiert und quasi als Basis für die weitere
christlich-soziale Arbeit in Gladbach dienen. Das plant der Volksverein. ba.-

Erfahrungsbericht aus dem Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach

Die 60-Jährige ist den Tränen nahe. Sie hat soeben einen Brief der Stadtverwaltung gelesen.
Inhalt: Ihre Wohnung an der Gracht in Rheydt sei für sie und die schwerbehinderte Tochter (30) nicht “mehr angemessen”. Will heißen: Sie ist zu groß und zu teuer. Die Beiden sollen sich eine neue, preiswertere Wohnung suchen. Für Karl Sasserath, den Leiter des Arbeitslosenzentrums (ALZ) in Stadtmitte, ist das kein “trauriger Einzelfall”. “Arme Menschen stecken immer häufiger in dieser Zwickmühle”, sagt er.
M. und ihre Tochter wohnen seit etwa drei Jahren in Rheydt-Mitte. 66,17 Quadratmeter ist die Wohnung groß. Ein kleines, überschaubares Refugium, in dem sich Mutter und Tochter “zu Hause” fühlen, wie sie sagen. Damals billigte die “Grundsicherungsbehörde” (Stadtverwaltung) den Vertrag zwischen M. und Vermieter S. Weil M. und die Tochter auf “Sozialhilfe” (SGB II bzw. SGB XII) angewiesen sind, zahlt die Kommune bzw. das Jobcenter die so genannte Referenzmiete in Höhe von 322,16 Euro/Monat. Doch nicht mehr lange, denn der Vermieter erhöhte sie ab August 2016 um monatlich knapp 63 Euro.

Karl Sasserath, der sich des “Falles” annahm, spricht von einem besonderen Härtefall. M. ist die gesetzliche Vertreterin ihrer stark eingeschränkten Tochter. Ohne die tägliche, sorgsame Begleitung der Mutter wäre die 30-Jährige auf fremde Hilfe angewiesen. Die Unterbringung in einer – teuren – Pflegeeinrichtung etwa.
Doch soweit soll es nicht kommen. Sasserath will verhindern, dass die zwei auseinander gerissen werden. Der Sozialarbeiter ist der Ansicht, dass die Behörde hier “vom gebotenen Ermessen” Gebrauch machen solle. Danach könnten Mutter wie erwachsene Tochter als “zwei unabhängige Bedarfsgemeinschaften” angesehen werden. Er verweist dazu auf ein jüngst gefälltes Urteil des Bundessozialgerichts hin. Darin wurde festgestellt, dass volljährigen Schwerbehinderten, die mit ihren Eltern die Wohnung teilen, der Regelsatz eines Haushaltungsvorstandes zusteht.
Im Klartext und mit der Folge: Trotz Mieterhöhung blieben die 66 Quadratmeter “angemessen”, die Sozialbehörde müsste weiter zahlen – und die Tochter bliebe bei ihrer hilfreichen Mutter. Denn, rechnet Sasserath vor, würde die Tochter (was sie allerdings aufgrund ihres Krankheitsbildes gar nicht kann), alleine und dann folgerichtig in einem Pflegeheim leben müssen, würde alles viel, viel teurer.
Derzeit stuft der Stadtbereich Soziales und Wohnen den Wohnbedarf der Mutter als Haushaltsvorstand, den der schwerbehinderten Tochter als Familienangehörige ein. Das ist bei den Transferleistungen billiger, nicht so, wenn beide als gesonderte Bedarfsgemeinschaften deklariert würden. SGB II bzw. SGN XII bedeuten, dass die beiden Frauen monatlich rund 404 Euro erhalten, plus der Leistungen der Unterkunft. Sollte die Behörde stur bleiben, müssten M. und Tochter bis Jahresende die dann “zu hohe Miete” senken. Das bedeutet: Sie zahlen die erwähnten 63 Euro selbst, also von ihrer keineswegs zu hohen Grundsicherung bzw. von Hartz IV, oder sie ziehen bis dahin aus. Sasserath hat den ratsuchenden Rheydtern geraten, notfalls vor das Sozialgericht zu gehen. Denn die Vorgehensweise der Behörde sei rechtlich strittig.
Auch deshalb, weil es nach Ansicht der ALZ-Leiters viel zu wenig preiswerten Wohnraum in Mönchengladbach gebe. Dem widerspricht der von städtebaulichen Höhenflügen getriebene relativ neue Stadt-Planungsdezernent Gregor Bonin. Er bezieht sich auf das – allerdings nicht gerade aktuelle – “Handlungskonzept Wohnen” der Stadt. Darin steht auf Seite 47: ….. dass sich die größte Nachfrage im Mietwohnungsmarkt auf das Segment bis 5,20 Euro/qm Angebotsmiete konzentriert, sich dort aber auch die meisten Wohnungsangebote (in einer Preisspanne zwischen 4,61 Euro/qm und 5,20 Euro/qm) finden lassen. Auf eine Anfrage der grünen Stadtratsfrau Ulla Brombeis ließen Bonin und Parteifreund OB Hans Wilhelm Reiners (CDU) mitteilen, dass es in dem genannten preiswerten Segment eine “zunehmende Anzahl an Leerständen” gebe. Folglich gebe es in Gladbach keinen Nachholbedarf bei Preiswert-Wohnungen. Im Übrigen macht der Christdemokrat Bonin erneut deutlich, dass es höchste Zeit sei, dass Personen und Familien mit guten Einkommen nach Gladbach ziehen. Und weniger Personen, die auf Stütze angewiesen sind – Arbeitssuchende, Rentner und Menschen in Ausbildung. Was hoffentlich nicht heisst, dass arme Menschen, die hier wohnen, nicht der ausreichenden Hilfe bedürfen.
M. und ihre Tochter hoffen auf eine “menschliche Lösung. Meine kranke Tochter braucht die vertraut gewordene Umgebung – und ich auch”, sagt die 60-Jährige.

Text Herbert Baumann



Altersarmut und Minirente

Unser Bündnis beschäftigt sich seit einiger zeit schwerpunktmäßig mit der zunehmenden Altersarmut und wird diesen Schwerpunkt auch weiterverfolgen. Das dieses Thema auch immer mehr in den Medien ankommt, unterstreicht folgender Artikel.

WDR filmte im Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach.
Immer mehr Rentner sind auf staatliche Unterstützung angewiesen: Die Zahl der von Armut bedrohten Menschen über 65 Jahre wächst seit Jahren stetig. Leider sind auch die Zukunftsaussichten für Rentner alles andere als rosig – ein weiterer Anstieg des Altersarmutsrisikos innerhalb der nächsten zehn Jahre wird erwartet. Von Altersarmut betroffen sein werden insbesondere Frauen, Alleinstehende, Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund, wie zuletzt eine Studie der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit IT.NRW zeigte. Entscheidender Faktor für das Armutsrisiko ist demnach, dass das Leistungsniveau der Rentenversicherung (als Folge der Rentenreformen seit 2001) gesunken ist. Und es wird weiter absinken: Die Renten folgen der Lohnentwicklung nur noch in begrenztem Maße, sodass immer mehr Rentenanwartschaften das Niveau der Grundsicherung bzw. Armutsrisikoschwelle unterschreiten.

Die steigende Angst vor Altersarmut in Deutschland ist also begründet. Wie eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag des WDR ergab, befürchten folgerichtig zwei von drei Bundesbürgern, dass das Geld im Alter nicht reicht. Nur 28 Prozent fühlen sich derzeit ausreichend abgesichert für ihr Rentenalter. Für das WDR-Fernsehen sind dieses Zahlen Anlass genug, das Thema aufzugreifen. Moderatorin Bettina Böttinger wird in ihrer neuen Sendung „Ihre Meinung“ mit 100 Zuschauerinnen und Zuschauern live über drohende Altersarmut diskutieren.

Dazu statteten die Fernsehleute unter anderem auch dem Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach einen Besuch ab. Reporter Florian Bauer sprach für seinen längeren Fernsehbeitrag mit Mönchengladbachern, die von Altersarmut betroffen sind oder sein werden. „Der Film will verschiedene Schicksale aufzeigen, um für das Thema zu sensibilisieren“, sagt Karl Sasserath, Leiter des Arbeitslosenzentrums an der Lüpertzender Straße. „Dafür sprach der WDR mit Rentnern und Rentnerinnen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und nun trotzdem nicht über die Runden kommen und noch was dazuverdienen müssen.“ Auch Menschen, die derzeit noch arbeiten und damit trotzdem kaum genug verdienen, werden in Bettina Böttingers Sendung zu Wort kommen.

Zu sehen ist die Sendung „Ihre Meinung“ am Donnerstag, 9. Juni 2016 zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr im WDR-Fernsehen.

Veranstaltung zur Altersarmut und Mitgliederversammlung des Bündnisses im April

Das regionale Bündnis für Menschenwürde und Arbeit will insbesondere seine öffentliche “Parteinahme für Benachteiligte” aktivieren.
Jüngstes Beispiel ist die ganztägige Veranstaltung des Bündnisses am 16.4.16 zum – leider – immer aktueller werdenden Thema Altersarmut. Inzwischen hat anscheinend auch die Politik erkennen müssen, dass ihre Beschlüsse immer öfter Ältere in den finanziellen Ruin treiben und damit in die gesellschaftliche Ausgrenzung. Mit jungen Leuten, betroffenen Rentnern mit wenig bis sehr wenig Einkommen und Fachleuten hatten knapp 50 Personen ihre Forderungen formuliert. Im Kern geht es um eine Alterssicherung für alle, von der man leben kann. In Kürze soll ein Statement dazu der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Obwohl frühzeitig eingeladen, ließ sich die Politik in der lebhaften “Renten-Runde” nicht blicken. Lediglich die SPD-Bundestagsabgeordnete
Gülistan Yüksel schaute vorbei und bat darum, dass man ihr den (Renten-)Forderungskatalog zur Verfügung stellt. Das wird das Bündnis gerne tun.
In der Mitgliederversammlung des Bündnisses am 27.4.16 wurde das Renten-Thema folglich noch einmal intensiv diskutiert. Renate Müller, Mitglied des Bündnisrates und eine der Organisatorinnen der Renten-Tagung, sowie weitere Mitglieder kündigten ein größeres Bündnis an, das sich kontinuierlich und vor allem öffentlich zum “Renten-Dilemma” äußert. Gemeint: Befreundete bzw.
dem Bündnis nahestehende Gruppen, Vereine und Organisationen bilden eine gemeinsame Plattform für verschiedene Aktivitäten. Müller: “Wir müssen die Leute wachrütteln.” Schließlich drohe eine “Welle der Altersarmut”. Man müsse auch klar sagen, wer für die Altersarmut verantwortlich ist. Zurück zur Mitgliederversammlung: Neben zahlreichen Satzungsänderungen – die einstimmig
beschlossen wurden – beherrschte die Finanzlage des Bündnisses die rund 20 anwesenden Mitglieder. Einige Mitglieder regten eine Anhebung bzw. Verdoppelung der Beiträge an. Derzeit zahlt ein Mitglied einen Euro pro Monat.Viele zahlen bereits freiwillig mehr Beitrag. Denkbar ist, dass für den Bündnis-Brief, eine regelmäßig erscheinende Zeitung zu Themen wie Altersarmut oder dem umstrittenen Handelsabkommen TTIP, um einen Beitrag gebeten wird.
Bei den Wahlen zum Bündnisrat wurden die bisherigen Mitglieder Robert Manstetten, Günter Rexilius, Hartmut Wellssow,Renate Müller, Alex Micha und Herbert Baumann einstimmig wiedergewählt. Dem Gremium gehören auch die Kirchenvertreter Hein Backes, Johannes Eschweiler und Franz-Josef Breuer an.
“Weitere Mitglieder sind jeder Zeit willkommen,” sagte Bündnis-Geschäftsführer Wolfgang Fels.
Wer mehr über das Bündnis, seine Ziele und sein Programm wissen will:
www.menschenwuerde-und-arbeit.de
buero@menschenwuerde-und-arbeit.de
Telefon 02161/948 9083 (Wolfgang Fels)

Herbert Baumann

Altersarmut – Schatten der Wohlstandsgesellschaft

Bündnis veranstaltete eine am 16.4.16 eine „Konferenz zur Altersarmut“ im Volksverein Mönchengladbach
Etwa 40 TeilnehmerInnen trafen sich am Samstagmorgen, um sich intensiv über das Problem
der Altersarmut auszutauschen, informiert zu werden und über Lösungswege nachzudenken.
In der ersten Phase wurden mittels Interviews und Plakatvorstellungen Erfahrungen und Sichtweisen von Arbeitslosen, Rentnerinnen und jungen Menschen verdeutlicht.
Gerade für die heute Jungen scheint das Thema weit weg, sie sind aber in Zukunft bei weiterer Absenkung des Rentenniveaus besonders betroffen. Die Beiträge zeigten, dass es durchaus junge Leute gibt, die bereit sind, sich dem Problem zunehmende Altersarmut zu stellen und die Folgen für ihr eigenes Leben ernsthaft in den Blick zu nehmen. Dabei helfen
die harten Erfahrungen der heute bereits Betroffenen, was häufig arbeitslose Menschen und Frauen sind. Hier kommt ein Knäuel von Problemen zustande: große finanzielle Schwierig-keiten, Scham wegen der als unwürdig empfundenen Lebenslage, Angst vor Ämtern u.a.m.
Schlaglicht: 40 Jahre Vollzeitarbeit zum Mindestlohn ergeben eine Rente von ca. 490€ !
In einer zweiten Phase erläuterte Frau Jutta Schmitz vom Institut „Arbeit und Qualifikation“ der Uni Duisburg/Essen welche politischen Entscheidungen der letzten ca. 15 Jahre die Altersarmut in Deutschland verschärft haben. Drei Daten ragen besonders heraus:
- 2001 Riesterrente – Paradigmenwechsel von der Sicherung des Lebensstandard zur Sicherung der Beitragsstabilität (zur
Entlastung der Unternehmen)
- 2005 Einführung des Nachhaltigkeitsfaktors (Rente im Verhältnis zur Zahl der erwerbsfähigen Bevölkerung)
- 2008 Rente bis 67
Ein weiterer wichtiger Grund für – vor allem künftige – Altersarmut ist die Situation auf dem
Arbeitsmarkt – d.h. immer mehr unterbrochene Erwerbsbiographien, Langzeitarbeitslosigkeit
und stark gewachsener Niedriglohnsektor.
Fazit: Die gesetzliche Rente ist geschwächt, Betriebsrenten und Riesterrente können das nicht auffangen! Die Schere zwischen arm und reich wird auch bei den RentnerInnen immer größer.
In einer dritten und letzten Phase diskutierten die TeilnehmerInnen Möglichkeiten, der Altersarmut wirkungsvoll zu begegnen. Es gab zahlreiche Vorschläge wie z.B. Eindämmung prekärer und schlecht bezahlter Arbeit, Stärkung der gesetzlichen Rente(anstatt wie jetzt private Vorsorge zu sponsern), steuermitfinanzierte Rente (etwa für die sog. Mütterrente), Einführung einer Mindestrente, ganz wichtig die Einbeziehung aller Einkunftsarten und Einkommen in die Rentenfinanzierung, keine weitere Absenkung des Rentenniveaus.
Das „Bündnis für Menschenwürde und Arbeit“ wird als Konsequenz dieser Veranstaltung
eine öffentliche Erklärung zur Frage der Altersarmut formulieren.
Weitere Infos unter: www.sozialpolitik-aktuell.de (Alter & Altersicherung)

Wolfgang Fels

Interessante Veranstaltung im Arbeitslosenzentrum Mönchengladbach

“Wer arm ist, der ist ein Klimaheld”, sagt Hans Christian Markert. Warum das? Menschen mit
wenig Geld sparen zwangsläufig – häufig zumindest – nicht nur beim Stromverbrauch. Dass nicht alle
Armen “Klimahelden” sind, machte der Grünen-Politiker ebenso deutlich. Die folgenschweren
Stromsperren in der Republik steigen von Jahr zu Jahr. Und immer deutlicher. Allein
2014 waren es mehr als 352 000 Haushalte. Aktuellere Zahlen lägen noch nicht vor, erklärte der
Landtagsabgeordnete in seinem Vortrag auf Einladung der Gladbacher Bündnis-Grünen.
In die gastgebende Rolle für Markerts Vortrag “Verbraucherpolitik, die Teilhabe
ermöglicht” schlüpfte der Vorstand des Arbeitslosenzentrums (ALZ) an der Lüpertzender
Straße 69. Vorstandssprecher Karl Boland begrüßte die rund 30 Gäste und verwies
auf die zunehmende Altersarmut.
Markert ist ein engagierter Verfechter einer Verbraucher-Information, die für Jeden verständlich
ist und vor allem nichts vortäuscht. Dass hier noch viel zu tun ist und dass hier vor
allem die Lebensmittel-Industrie trickst, war den Anwesenden schnell klar. Nicht ohne
Stolz verwies der Neusser Politiker auf das dichte Netz von Verbraucherzentralen in NRW.
60 seien es insgesamt. Und hier gehe es längst nicht mehr nur um gesundes Essen. Markert
ermuntere die Gäste, das umfangreiche Angebot in Anspruch zu nehmen. “Nachher ist
man immer schlauer”. Und es lohne sich – wenn es um den Geldbeutel geht.
Apropos Stromsperren. Hier schlägt Markert unter anderem eine Art Strom-Grundsicherung
vor. Quasi Saft für alle, wenn es um die Grundbedürfnisse geht. Wer verschwendet, also
viel mehr verbraucht, soll kräftig draufzahlen. Diese “Verschwendung” ist laut Markert
dann die Gegenfinanzierung. Ein mögliches Instrument gegen ungewolltes “Licht aus”,
weil die Rechnung nicht bezahlt wurde: einschränkendes Prepaid-Modell (wie beim Handy) bzw. ein Stromspar-Check.
Ob kostenintensive Stolperfalle bei Mobilfunk-Verträgen, bei Konsumenten-Krediten oder E-Commerce -
Markert sagte klar – und verständlich – wo man genau hinschauen muss und wo sich Bares
sparen lässt. Gerade Handy-Verträge seien eine Abzock-Falle. Folge: Ältere Menschen und
zunehmend Flüchtlinge klagten über teure Verträge. Markert: “Sie sollten sich zuerst
immer die Frage stellen: Welches Netz passt zu mir?” Was brauche ich und was nicht?
Heftig diskutiert wurden die IgEL-Leistungen in der Medizin. Diese Individuellen Gesundheitsleistungen
sind zu einer lohnenden Einnahme-Quelle in den Praxen geworden. Beispiel Augendruck. Als
Kassen-Patient sind mindestens 20 Euro fällig, wenn man diese von den Krankenkassen
nicht mehr gezahlte Leistung in Anspruch nimmt. Markert lehnt die freiwilligen “IgEL” nicht grundsätzlich
ab. Manche seien aber schlicht überflüssig. Ein Gespräch mit dem Arzt sei da hilfreich.
Eine Aussage, die die Zuhörer nicht zufrieden stellte. Eine Dame meinte, man werde in
der Arzt-Praxis unter Druck gesetzt. Wer wolle schon sparen, wenn es um die Gesundheit
geht. Bei diesem emotionalen Thema zahle man doch lieber.
Markert wünscht sich “neugierige und fragende Verbraucher”. In der Verbraucherpolitik sei
noch viel zu tun. Für einen Teilnehmer ist es unverständlich, dass die Lebensmittel-Industrie z.B. eine
Milchschnitte “mit viel Milch” auf den Markt wirft. Und schaut man genau drauf, dann
ist es der viele Zucker, der die Milch verdrängt. Hier versagten Politik wie Gesetzgeber.
Zum Abschluss ließen sich Markert wie seine Gäste über die aktuelle Situation des
Arbeitslosenzentrums informieren. Es soll laut CDU/SPD seinen Standort Lüpertzender Straße
verlieren. Einen alternativen Standort hat die Politik nach über einjähriger Hängepartie
bislang nicht genannt. Markert nennt das unverantwortlich. Und: “Ich kämpfe mit,
wenn es um den Erhalt am Stadtmitte-Standort geht.”

Text: Herbert Baumann